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EuropaTour Teil 10: Tschechien I (Mähren)

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Manche Länder sind ja wie so ein 40 Grad warmer Whirlpool mit Schirmchen-Cocktails, ätherischem Badezusatz und vorgewärmten Frotteetüchern am Beckenrand. Da muss man sich nur reinlegen und genießen - Ende. Und dann gibt es Länder, die sind eher so ein Kneippbecken mit Eiswürfeldusche. Willkommen in Tschechien.

"Offene Arme" wäre jedenfalls nicht das erste, was mir zu der vergangenen Woche einfällt.
Bei unserem Campingplatz nahe Mikulov bin ich mir im Nachhinein nicht mal mehr sicher, ob das wirklich ein Campingplatz war. Die Blicke und Reaktionen der Angestellten und Mit-Camper um uns herum wirkten eher, als hätten wir gerade eine private Gartenparty gecrasht. Seid Ihr schon mal mit einem Wohnmobil auf ein wildfremdes Grundstück gefahren, habt zwischen Pergola und Kirschlorbeer geparkt und dann die Chemietoilette in die Hecke entleert? Ich auch nicht, aber jetzt kann ich mir zumindest vorstellen, was für Blicke man da erntet.

Größtes Problem ist natürlich die Sprache. Ich spreche kein Tschechisch und die Tschechen wenig Englisch. Immerhin: "Hallo" heißt "Ahoj", habe ich mittlerweile gelernt. Das kann man aber auch gleich wieder vergessen, denn hier grüßt niemand. Zumindest nicht vor dem fünften Becherovka. Für mich als eingekölschten Grundlosgrüßer eine sehr irritierende Erfahrung. Von zehn gegrüßten Tschechen schauen neun irritiert weg und der zehnte sagt: "Fahren Sie sofort Ihr Wohnmobil von meinem Grundstück".

Das heißt übrigens nicht, dass die Menschen hier unfreundlich wären. Im Gegenteil. Wenn man sie mal mit dem Kescher eingefangen und zum Reden gebracht hat, tun sie wirklich alles, um einem weiterzuhelfen. Sie rennen dir sogar hinterher, um zu sehen, ob du am richtigen Gleis stehst. (Was uns in Brünn trotzdem nicht davon abgehalten hat, erst zu früh auszusteigen, dann an der Stadt vorbeizufahren und schließlich ein längliches Stündchen auf den nächsten Zug zurück zu warten. Statt "Ahoj" hätte ich vielleicht lieber "Hauptbahnhof" auf tschechisch lernen sollen.)

Es ist einfach alles nicht so glatt gezogen, wie in anderen Ländern unserer Reise. Gerade sitze ich zum Beispiel neben einem riesigen Klostergebäude in Znaim, nach dem sich bayerische Denkmalschützer alle zehn Finger abschlecken würden. Hier verfällt das Ding vor sich hin, der Putz blättert ab und der Wind pfeift durch die zerschlagenen Fenster. Manchen Wohnhäusern geht es nicht besser. Das fällt besonders krass auf, wenn man gerade aus der durchdekorierten Puppenstubigkeit der Steiermark kommt. Für sowas haben die Menschen hier einfach kein Geld. Wenn dir eine Bäckereiverkäuferin erzählt, dass sie 48 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet hat und jetzt, mit 70, drei Jobs hat, weil ihre 300 Euro Rente einfach nicht zum Leben reichen, kann man sich denken, dass da kein Geld für „Das Depot“ übrig bleibt.

Trotzdem gibt es hier natürlich viel zu sehen: Burgen, Schlösser, Flusstäler, Europas größte Parkanlage (Lednice) und die Innenstadt von Brünn (wenn man dann mal dort ankommt). Und es gibt Bier. Sehr, sehr gutes Bier. In anständigen Gläsern. Und Essen. Meistens Fleisch mit Fleisch an fleischgefüllten Kartoffelknödeln. Bei jedem Bissen stirbt ein Fit for Fun Redakteur.

Und lernen kann man auch was. Beispiel: Am 1. Juli, wir waren gerade im Winzerort Pavlov, war in Tschechien "Tag des Kindes". Davon hat man aber weit und breit nichts gemerkt - außer in der örtlichen Weinhandlung. Dort waren alle Sommeliere und Angestellten bunt geschminkt und im Hintergrund lief laute Kindermusik. In einer Weinhandlung. Ich glaube ja: Erst wenn dir ein schlecht geschminkter tschechischer Vampir-Sommelier die Vorzüge des mährischen Welschrieslings erklärt, während seine Kollegin traurige Seifenblasen vor sich hinbläst und im Hintergrund Karel Gott die "Biene Maja" singt, verstehst du so richtig, was "kafkaesk" bedeutet.

P.S.: Nächster Stop: Böhmen (Cesky Krumlov und Budweis). Aber ein bisschen anders. Mehr dazu in Teil 11 der #EuropaTour.

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