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Wir haben uns verrannt

(Kommentare: 31)

In alten Slapstick-Komödien läuft das folgendermaßen: Jemand tickt völlig aus, brüllt rum, gestikuliert wild, hyperventiliert und macht sich ordentlich zum Affen. Dann kommt ein anderer, zieht ihm recht ordentlich eine über die Rübe und alles ist wieder gut.
Daran muss ich oft denken, wenn ich momentan Nachrichten lese. Nur dass irgendwie nicht nur einer, sondern ganz viele gleichzeitig austicken und es deshalb auch kaum noch jemanden gibt, der Zeit und ne Hand frei hätte, den anderen im übertragenen Sinn auf den Kopf zu hauen.

Nur mal ein paar Beispiele aus den letzten Wochen: In Stuttgart schießt ein 19jähriger aus einem Auto heraus auf einen Passanten und schreit dabei „Lauf, Schwarzer!“. Laut einer neuen Studie glauben 33 Prozent der Deutschen, dass ihr Land überfremdet sei, mehr als 40 Prozent wollen Muslimen die Zuwanderung untersagen und immerhin 10 Prozent glauben, dass Juden mehr als andere Menschen mit üblen Tricks arbeiten. Türkischstämmige Bundestagsabgeordnete werden aufgrund ihrer Abstimmung bei der Armenienresolution mit dem Tod bedroht. 40 Prozent der Deutschen finden es „ekelhaft“, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. In Köln läuft der Prozess gegen den Attentäter, der die Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker wegen ihrer Flüchtlingspolitik niedergestochen hat - er zeigt keinerlei Reue. Und eine EM-Kommentatorin des ZDF wird von hunderten Facebooknutzern in Grund und Boden geschimpft, weil sie, na die traut sich was!, eine Frau ist.

Jaja, ich weiß, wilde Mischung, „Äpfel mit Birnen“ und so, aber geht es nur mir so, oder könnte man sagen: „Mensch, ganz schön viel Wahnsinn in der Luft, grade!“? Und auch wenn ich davon ausgehe, dass die wenigsten in unserem Land schon mal daran gedacht haben, auf irgendjemanden einzustechen oder ihn mit dem Tod zu bedrohen, habe ich den Eindruck, dass momentan etwas in eine ganze falsche Richtung geht. Dass sich das Klima verändert. Dass wir uns verrennen. Und das hat verschiedene Gründe:

Wir lieben „Wir gegen die!“
Inländer gegen Ausländer, Heteros gegen Homos, Muslime gegen Juden, Nichtpolitiker gegen Politiker - man kriegt manchmal den Eindruck, so richtig gut geht es uns nur, wenn wir andere Scheiße finden können. Das ist auch prinzipiell kein Problem, funktioniert in anderen Bereichen ja auch. Die gesamte Bundesliga basiert auf dem Prinzip „Wir gegen die“. Aber wie beim Fußball wird auch in der Demokratie ein Problem daraus, wenn sich diese Ablehnung in Gewalt entlädt. Vereinfacht gesagt: Demokratie heißt, andere unfassbar Scheiße finden zu dürfen und ihnen trotzdem ein friedliches Leben zu gönnen. 

Wir glauben, früher waren Dinge besser
Das Programm z.B. der AfD funktioniert so: Die aktuelle Situation gefällt uns nicht, deshalb müssen wir die Zeit nur ordentlich zurückdrehen, all diesen modernen Unsinn (Frauenrechte, Umweltschutz, Minderheitenrechte) wieder abschaffen, dann wird alles wieder gut. Sorry, so läuft das nicht. 
Habt Ihr eine Oma, die noch die 50er Jahre oder vielleicht sogar den zweiten Weltkrieg miterlebt habt? Wunderbar. Dann fragt die doch mal, was „früher“ alles besser war. Seid aber nicht böse, wenn ihr außer „Die Erdbeeren!“ und „Mein Knie!“ nicht viel einfällt. Kann sein, dass Oma einfach die meiste Zeit ihres Lebens damit beschäftigt war, Wäsche von Hand zu waschen, für Lebensmittel anzustehen, zerbombte Häuser aufzubauen oder einfach dafür zu sorgen, dass keiner aus ihrer Familie verhaftet, verschleppt oder erschossen wird. 
Wenn einem die aktuelle Situation nicht gefällt, liegt die Lösung nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft, die im Idealfall eine weiterentwickelte und verbesserte Gegenwart ist. Wenn dein Laptop ständig abstürzt kaufst du dir ja auch nicht aus Protest einen C64.

Wir glauben, dass man heute nichts mehr sagen darf
Also, wenn es stimmt, dass man „heutzutage nichts mehr sagen“ darf, dann wurden scheinbar nur die schlauen Sachen verboten. Dummes Zeug höre ich jeden Tag! Die Wahrheit ist: Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, die eigene Meinung loszuwerden, wie momentan. Und noch nie hatte man dabei so wenig zu befürchten wie heute. Ist eure Oma noch da? Super, dann macht doch mal den Test. Nehmt mal einen Satz wie: „Der Papst ist auch nur ein alter Mann mit lustigem Käppi“ oder „Mann, geht mir unser Staatsoberhaupt auf den Senkel!“ So. Völlig harmlose Sätze, oder? Dann fragt mal eure Oma, was passiert wäre, wenn sie diesen Satz in den 40er Jahren vom Stapel gelassen hätte. Aber stellt schon mal die Kreislauftropfen parat.

Wir haben ein völlig falsches Bild von „pc“
Politische Korrektheit wurde in den letzten Jahren so etwas wie der Vegetarismus der Politik: Tief in ihrem Herzen wissen alle, dass das schon seinen Sinn hat, aber mein Gott, wie uncool! Echte Freigeister sagen und vor allem posten immer das, was Ihnen gerade durch den Kopf stolpert, packen auch mal die Beleidigungskeule aus, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen und so richtig frei ist sowieso nur, wer auch ungehemmt über Schwule, Schwarze und Behinderte abledert.
Ähm... Nein.
Um zu verstehen, warum politische Korrektheit gar nichts Schlimmes ist, hilft es vielleicht, sich mal dran zu erinnern, wie "pc" noch vor zwanzig Jahren hieß: Anstand (Oh Gott, noch uncooler!). Wer ohne Sinn und Verstand andere Menschen beleidigt, Behauptungen aufstellt und verbreitet, die gezielt gegen andere Bevölkerungsgruppen gerichtet sind, ist nicht mutig, kein Desperado, und kein politisch inkorrekter Freigeist, der's „endlich mal sagt, wie's ist“, sondern hat, Achtung, Gipfel der Uncoolness!, einfach nur ganz schlechte Manieren.

Wir biegen uns Grundrechte zurecht
Ja, es gibt Religionsfreiheit, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland. Ja, wir glauben an die Gleichstellung von Mann und Frau, aber nicht, wenn’s um die Bezahlung geht. Schwule und Lesben sollten gleichberechtigt sein, aber Kinder dürfen sie natürlich nicht adoptieren.
So läuft das nicht. Grundrechte gelten für alle Menschen, nicht nur für alle, die zufällig genauso aussehen/lieben/glauben wie ich.

Apropos: Religion!
Was ist eigentlich mit den Religionen in den letzten 20 Jahren passiert? Religion, das war bei uns in der Schule das, wo man die Hausaufgaben für die anderen Fächer gemacht hat. Ende. Warum sind Religionen plötzlich wieder so ein Riesenthema? Nochmal: Jeder soll glauben, was er will. Zuhause, privat oder mit seinen Mitgläubigen. Aber können wir uns vielleicht darauf einigen, dass Religion in der Politik nix, aber auch rein gar nix zu suchen hat? Einfach nur, weil 2000 Jahre alte Bücher und unsichtbare Wesen keine besonders qualifizierten politischen Berater sind?

Wir vertrauen den Falschen
60 Prozent der Deutschen sagen, dass sie ihre Informationen nur noch über Facebook und Twitter beziehen. Wahnsinns-Zahl, oder? Kein Wunder, ich habe sie auch soeben frei erfunden. Warum? Weil ich’s kann. Ist schließlich nur Facebook/Twitter/ne Homepage. Wir müssen uns unbedingt wieder klar machen: Facebook ist keine Nachrichten- sondern eine Meinungs- und Unterhaltungs-Plattform. Man fährt ja auch mit einem Bierbike kein Radrennen und macht keinen Triathlon im Spaßbad!
„Aber wo sollen wir unsere Informationen denn sonst her beziehen?“, höre ich die ersten rufen. „Von der Lügenpresse etwa?“ Ja, genau von der. Natürlich machen auch Journalisten Fehler. Viele Fehler. Glaubt mir, als Stand-up Comedian mit dem Nachnamen „Barth“ weiß man, wie oft Journalisten was verwechseln. Trotzdem: Sich nur noch bei Facebook zu informieren, weil man der Presse nicht traut, ist wie nur noch bei McDonalds zu essen, weil man sich nicht sicher ist, ob Muttis Essen wirklich immer gesund ist.

Wir attackieren die Falschen
Immer wenn sich im Netz mal wieder jemand darüber beschwert, dass z.B. „die Flüchtlinge“ den Staat ausnutzen, frage ich mich, ob der Verfasser gerade an einem IKEA-Schreibtisch sitzt. Und ob er weiß, dass IKEA - genauso wie Apple, Amazon oder Google - seit Jahren jeden noch so schäbigen Steuertrick ausnutzt, um auch ja möglichst wenig vom hier erwirtschafteten Milliardengewinn an den Staat abzudrücken.
Was ich damit sagen will: Es gibt tausend gute Gründe, sich über Leute aufzuregen, die den Staat ausnutzen. Wir sollten uns nur endlich mal die Richtigen rauspicken.

Wir setzen Nationen mit ihren Staatsoberhäuptern gleich
Nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland attackieren wir die Falschen - oft ganze Nationen. Wir lassen uns zu hanebüchenem Hass verleiten, weil wir glauben zu wissen „wie die so sind“: Die Russen sind alle wie Putin, die Türken sind alle wie Erdogan und die Polen sind alle wie Kaczynski. Das ist Unsinn. Ungerechter, schlimmer Unsinn. Die Russen sind so wie Du, die Polen wollen auch nur ihre Familie ernähren und die Türken schauen vielleicht gerade denselben Film wie du. Es gibt einen Unterschied zwischen Völkern und ihrem politischen Personal - selbst wenn die Völker dieses Personal gewählt haben. Wer das nicht glaubt, kann ja mal überlegen, wie sehr er sich „wie die Merkel“ oder „wie der Gauck“ fühlt.

Wir glauben: „Wir sind nicht schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist“
Ja wer denn sonst? „Die da oben“? Mein Eindruck ist: „Die da oben“ sind auch nur „Wir da unten“ mit besseren Anzügen. Klar können einen viele Geschichten frustrieren, die man Riesenkonzernen oder korrupten Politikern hört. Aber wenn einen zum Beispiel die Machenschaften von Amazon nerven, steht es jedem völlig frei, das nächste Buch im örtlichen Buchhandel zu kaufen. Und wer glaubt, dass „wir da unten“ keinen Einfluss auf „die große Politik“ hätten, kann dazu ja noch mal ein paar alte SED-Bosse befragen. 

(Achtung, Plattitüden-Alarm, aber ich weiß wirklich nicht, wie ich’s anders sagen soll:) 
Wir haben keine Ahnung, wie gut es uns geht. Wirklich gar keine.
Nochmal ein Test. Schreibt mal auf, was Ihr in der letzten Woche so getrieben habt. Alles. Wo Ihr essen wart und mit wem. Welchen Film ihr gesehen habt. Was Ihr euch gekauft habt. Mit wem Ihr Sex hattet. Was Ihr gearbeitet habt und wieviel Geld Ihr dafür bekommen habt. Welche Krankheiten Ihr hattet, und wie ihr deshalb behandelt wurdet. Was Ihr im Fernsehen geschaut habt. Über welche Themen Ihr wie offen mit wem diskutiert habt. Alles.
So. Und jetzt lasst mal euren Finger über einer Weltkarte kreisen, setzt ihn dann auf irgend ein Land und überlegt euch doch mal, welche der oben aufgeführten Aktivitäten in diesem Land nicht oder nur eingeschränkt möglich gewesen wären, wofür ihr ordentlich eins auf die Fresse bekommen hättet oder eingesperrt worden wäret. Ihr werdet überrascht sein. 

Wir glauben, Demokratie läuft von allein
Dass wir seit gut 70 Jahren in einer friedlichen Demokratie leben, ist ein Glücks-aber kein Zufall. Jedes Recht und jede Freiheit, über die wir heute verfügen, haben wir, weil irgendwann mal jemand dafür gekämpft hat. Und jedes Recht und jede Freiheit kann man genauso schnell wieder verlieren, wenn niemand mehr dafür kämpft. 

Was ich mit diesem Text bezwecken will? Schwierig zu sagen. 
Keine Angst, ich bin nicht bescheuert: Ich glaube nicht, dass ich damit irgendwelche Rassisten bekehre. Dass ich „Homogegner“ toleranter mache oder Facebook-Hater dazu bringe, nur noch Einhornbildchen zu posten (und wenn dann ganz wütende Einhörner!)
Aber vielleicht hilft er ja, dass Leute, die eher so auf der politischen Kippe stehen, wieder die Balance finden. Dass solche, die sich noch nicht völlig verrannt haben, kurz ihren Kompass rausholen und noch mal draufschauen. Und dass Menschen, die noch nicht zu den 7 Prozent der Deutschen gehören, die eine Diktatur „unter bestimmten Umständen für die bessere Staatsform“ halten, erkennen, dass das mit der Demokratie zwar ne anstrengende, aber insgesamt doch sehr lohnende Angelegenheit ist.  
Denn Austicken, Hyperventilieren und zum Affen machen bringt uns einfach nicht weiter.

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Kommentar von Michael |

Super geschrieben! Danke!

Kommentar von Simone |

Vielen Dank für diesen Text, der soviel Wahrheit enthält.

Kommentar von Katrin |

Danke danke danke! Kann man Dich wählen? Bundespräsident oder sowas?

Kommentar von Gitta Reuß |

kann ich hier meinen Kommentar schreiben? Ja, da oben geht es einfach nicht. Ist die Türe zu.
Soooo, danke für Deinen Bericht. Ich bin froh, dass ich mir die Zeit genommen habe ihn zu lesen. Wirklich! Ich habe ihn nicht nur überflogen. Danke an Elsa, die mir über FB den Link geschickt hat.
Es ist eine so perfekte Zusammenfassung all der Themen, die momentan um mich herumschwirren. Danke. Jetzt kann ich versuchen auch meine ganz persönlichen Aufgaben zu lösen und Entscheidungen zu treffen. Das war in all dem 'Geschrei' schwer möglich.
Gitta

Kommentar von Uwe |

Einfach klasse!!

Kommentar von Hubert Kleinen |

Trotz oder gerade wegen der Länge des Beitrages absolut lesenswert. Unserer "verzweifelten" Nation den Spiegel vorgehalten, dabei sachlich und in erfrischender Weise den Unterschied zwischen der "guten alten Zeit" und unserer freien Gegenwart aufgeführt. Echt toller Beitrag.

Kommentar von nouse |

Hi,

Erstmal danke für diesen Text. Immer schön zu lesen, daß sich Menschen gegen diesen Wahnsinn erheben.

Sie analysieren aber nicht, warum das Pendel gerade wieder nach rechts ausschlägt. Und das hat damit zu tun, daß wir Menschen dazu neigen, alles massiv zu übertreiben. Und zwar wirklich alles.
Gerade erst sind in den USA zwei College-Professoren abgemahnt worden. Warum? Sie haben ihren StudentInnen einen konservativen Text zu lesen gegeben. Sie haben nicht mal diese Meinung vertreten, sondern lediglich vorgeschlagen, daß sich die Studierenden damit beschäftigen. Das ist alles. In der amerikanischen (akademischen) Welt herrscht quasi gar keine Meinungsdiversität mehr, und das ist auch der Grund, warum die "angry white men", also vor allem junge weisse Männer, die vom System genauso unterdrückt werden wie alle anderen auch, aber zusätzlich ständig erzählt bekommen, daß sie völliger Abschaum sind, ALLE Trump wählen.
In Deutschland ist es ähnlich. Du lebst nicht vegan? Du bist moralisch minderwertig. Du kritisierst Gender-Professuren mit zweifelhaftem wissenschaftlichen Output? Du bist SexistIn. Du lässt Deine Kinder impfen? Pharmahöriges Systemschaf. Du kritisierst den Islam, weil ganz offensichtlich islamische Gesellschaften anders ticken als westlich/christliche? Du bist RassistIn. Du hängst Dir Deutschlandflaggen ans Auto während der EM? Du bist NationalistIn. Du hast Deiner Kommilitonin im Seminar irgendwas erklärt? Gratulation, Du hast sie vermutlich "mansplained." Ein Mann pfeift einer Frau hinterher? Da hat er im "männlich dominierten öffentlichen Raum" seinem Drang, die Frau zu kontrollieren, leider nachgegeben. Du hast Deinem ausländischem Kollegen gerade mitgeteilt, daß sein Deutsch sich echt verbessert hat? Rassistische Mikro-aggression.
Erwachsene Männer dürfen heute als 6jährige Mädchen leben, wenn sie wollen. Rainer Brüderle wird medial vernichtet, wenn er einen dämlichen Spruch über eine Journalistin macht, aber keine dt. FeministIn wollte sich ob der Kölner Sylvesternacht allzuweit aus dem Fenster lehnen. Das wäre ja möglicherweise rassistisch konnotiert. Stattdessen durfte ich mit ansehen, wie sich die neue Rechte sich bei der Thematik zum Beschützer der dt. Frau aufgeschwungen hat. KeinE LinkeR dieser Republik wollte sich zu einem Artikel des Tagesspiegel auseinandersetzen, der feststellte, daß viele muslimische Flüchtlinge im hiesigen Spektrum wohl als rechtsextrem eingestuft werden müssten.

In Zeiten von safe spaces für alle und trigger warnings für jeden mit einem Internet, das unkontrolliert den grössten Rotz verbreitet und nur noch Echokammern aufbaut, ist es ganz offensichtlich, daß die Gesellschaft wieder fragmentiert und stündlich fundamentalistischer wird.
Das Problem kommt aber nicht nur von rechts, sondern von links. Für die Rechte ist der Unterschied entscheidend, die Linke leugnet Unterschiede einfach. Wir reden oft davon, daß es in dieser heutigen Zeit keine einfachen Lösungen mehr gibt und kritisieren die neue Rechte, daß sie trotzdem solche Lösungen anbieten. Leider offeriert auch die Linke keine Lösungen. Sowohl "Wir lassen keinen mehr rein" als auch "Wir lassen alle rein" sind einfache, unterkomplexte Lösungen für ein schwieriges Problem. Oft reden diese Linken links, handeln aber rechts. Erst das WG-Casting machen, um zu schauen, ob die Neue auch zur Gruppe passt, anschliessend Gegen Nazi-Plakate malen. Gerade zu sehen in der Rigaer Strasse Berlin, da drehen Autonome Gruppen gerade durch, weil linke Hausprojekte Flüchtlingsheimen weichen sollen.

All diese Dinge, die offensichtlichen Widersprüche, die erhobenen Zeigefinger aus durchweg links besetzten, vermeintlich erhöhten Moralpositionen, all das bekommt auch der normal-gebildete Bürger mit. Und irgendwann reichts eben auch, und diese Leute wählen dann eine Idiotentruppe wie die AfD. Das kann man nicht gut finden, demonstriert aber, daß man die Leute nicht mitgenommen hat. Und natürlich werden solche Entwicklungen offensichtlicher, wenn auch noch wirtschaftliche Ängste - so irrational sie auch sein mögen - eine Rolle spielen. Klar: Auch dem deutschen Hartzer geht es allemal besser als ukrainischen ArbeiterInnen oder nigerianischen Arbeitssuchenden, und für die meisten Pegidisten ist die schwerste Entscheidung des Jahres 2016 gewesen, ob sie beim iPhone bleiben oder zu Samsung wechseln sollten. Das spielt in der Selbstwahrnehmung aber leider keine Rolle. Hier gehts um die deutscheste aller Ängste, um die Angst vor dem sozialen Abstieg, der durch alle Schichten geht. Und so gibt es eine grosse Schnittmenge zwischen Leuten, die "die da oben" hassen und rassistische Probleme mit Flüchtlingen haben. Man könnte beispielsweise daran arbeiten, diese Leuten ihre sozialen Ängste zu nehmen.

Dieser Text ist offensichtlich nicht dazu gedacht, Pegida-Spaziergänge, brennende Asylunterkünfte oder sächsische Bürgerwehren zu rechtfertigen. Alle diese Dinge sind offensichtlich eine grosse Gefahr für unsere FDGO. Ich frage mich aber, warum die Leute sich wundern, woher dieser neue rechte Zeitgeist herkommt. Und das ist eine Reaktion auf unser radikales "Gutmenschen"tum. Das liegt eigentlich auf der Hand. Wir müssen einfach wieder mehr Diversität zu lassen. Nicht jeder, der im Netz die Flüchtlingspolitik kritisiert, muss im Rudel niedergebrüllt werden.

Kommentar von Johannes Busch |

"Vereinfacht gesagt: Demokratie heißt, andere unfassbar Scheiße finden zu dürfen und ihnen trotzdem ein friedliches Leben zu gönnen."
Das hänge ich mir über's Bett, papp's mir an dem Spiegel und kleb's auf meinen Schreibtisch. Danke Mario...äh, Markus! Bist 'n richtig Guter! 

Kommentar von Derian |

Du hast nichts verstanden.

Du und Deine Brüder im Geiste seid diejenigen, die mit der Hetze und dem moralischen Imperativ gegen den normalen Allerweltsbürger angefangen haben, indem DU sie unter Generalverdacht gestellt hast.

DU bist das Problem!

DU weist Leuten eine Meinung zu, die sie gefälligst in Deinem, extrem links indoktrinierten Weltbild zu ändern haben, weil DU die Moral und das Recht mit Löffeln gefressen hast.

Du hast Deine Mitbürger zu Nazis gemacht, weil sie sich als besorgte Bürger bezeichnet haben, die ihren Staat und ihr soziales Miteinander zu Recht den Bach runtergehen sehen.

DU hast Dich über sie lustig gemacht, weil ihre Lautäußerungen ungelenk und ungeübt waren, weil sie, im Gegensatz zu Dir, ihr Geld nicht mit Dummschwätzerei, sondern mit der Generierung von Vermögenswerten verdienen und damit ein System, eine Kultur und eine Nation geschaffen, die solchen Menschen wie Dir überhaupt erst eine Existenz ermöglichen.

Und jetzt, da Dir der selbst angefachte Wind immer stärker ins Gesicht bläst, weil diese große Mehrheit der Leute einfach weiß, daß sie Recht hat und nicht locker läßt, machst Du hier auf Mimose und willst uns erzählen, daß es doch viel schöner sei, sich nett miteinander über ein Problem zu unterhalten, welches DU bis heute nicht verstanden, sondern selbst verursacht hast? Träumst DU???

Ich bin lange(!) vor Dir aufgestanden, damit in diesem Land jeder in Frieden leben kann.
Männlein und Weiblein. Mehr gibts ja auch nicht.
Und das jeder poppen kann, wen er will, solange beide oder alle sich einig sind.
Aber ich wollte das nie in der Kölner Innenstadt live erleben.

Es ist auch kein Problem für mich, wenn Leute schwarz im Gesicht sind.
Aber Boateng will ich auch nicht als Nachbarn. Wozu auch? Dich wollte ich ja auch nicht.

Ich will aber auch nicht der einzige Deutsche im Supermarkt sein, der dazu noch eine dort kaum noch anzutreffende Sprache (deutsch) spricht.
Das ist mein Mindestanspruch an diesen Staat, der verdammt noch mal genau dafür zu sorgen hat.
Dafür bin ich Deutscher, dafür zahl ich Steuern und dafür wähle ich eine demokratische Partei.

Ich habe schon vor langer Zeit mit meinen grünen Mitstreitern gebrochen und auch Becker, Schmickler und Co. sind nach der extremen linken Haßkotze, die mir zuverlässig mit steigender Intensität in deren Sendungen ins Gesicht geflogen ist, für mich nicht mehr zu ertragen.

Dafür engagiere ich mich jetzt in einer Partei, die dieses Problem mittelfristig in den Griff bekommen wird.
Du merkst ja selbst, wie gerade der Sand unter Deinen Füßen unaufhaltsam zu rutschen beginnt. Das ist nicht aufzuhalten.
Und ich werde erst bei Heilung nachlassen, nicht bei Linderung.
DU wirst also irgendwann die Hosen runterlassen und Dich erklären müssen.

Und ich werde dabei keinen Jota gnädiger sein, als DU jetzt.

Antwort von Markus Barth

Lieber Derian, 
ich hätte dir ja gerne persönlich auf deine Nachricht geantwortet. Schade, dass du eine falsche E-Mail-Adresse angegeben hast. Nur so viel: Mach dir keine Sorgen um den "Sand unter meinen Füßen". Die vielen, großartigen Reaktionen auf diesen Text zeigen mir: Ist kein Sand. Ist eher so Beton.
Dir einen schönen Tag,
Markus Barth

Kommentar von Momo |

Zu dem "Fahrt mit dem Finger über die Landkarte und überlegt was euch dort für das was ihr in der letzten Woche gemacht habt passiert wäre" noch ne Ergänzung meinerseits: Dir Meisten wissen gar nicht wie es anderswo aussieht. Aber wir leben in einer vollvernetzten Welt. Geht ins Internet, googelt ein bisschen zu dem Land. Sucht euch Leute aus diesem Land auf Facebook oder twitter und fragt die einfach mal was da bei ihnen abgehen würde, wenn ihr z.B. krank seid und nen Arzt braucht. Oder was immer ihr letzte Woche gemacht habt. Geht ruhig mal auf andere Leute zu und fragt die. Ihr werdet überrascht sein was sich euch da für Perspektiven eröffnen.