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Der Maya-Mausdreck

(Kommentare: 124)

Chia-Samen! Du „Powerkorn der Mayas“, du schwarzkrümelndes Reformhaus-Gold, du hochgehypte Hipster-Hirse, du Silberstreif am Konsumhimmel all jener, denen Quinoa schon zu mainstreamig ist - Ich ziehe meinen Hut vor dir! Die flitzeflinke Geschwindigkeit, mit der du ganze Biomarktregale annektiert und dich in elitäre Ernährungspläne gewanzt hast, die kann einem glatt den Grünkohlsmoothie aus der Hand wirbeln! Das Ganze ist umso erstaunlicher, da deine Verkaufsargumente, Chia, na ich sag’s mal vorsichtig, ein bisschen dünn sind: „Guten Tag, liebe Besserverdiener, mein Name ist Chia-Samen, ich bin unfassbar teuer und schmecke nach nichts. Bitte rühren Sie mich ab jetzt täglich in Ihren lactosefreien Joghurt!“ - „Juhuu! Na klar! Das machen wir!“

Don't call it Lebensmittel

Vor ein paar Jahren kannte dich noch keine Sau, jetzt bist du überall: im Brot, im Quark, im Knabberkeks - Chia, Respekt, du bist der Elyas M’Barek unter den Lebensmitteln! Verzeihung, „Lebensmittel“ darf man dich ja gar nicht nennen. Ein „Superfood“ bist du, mit Superkräften. Schnallst dir jede Nacht Korn für Korn ein kleines Superhelden-Cape um, bildest dann mit deinen Superfood-Kumpels, den Goji-Beeren, Spirulina-Algen und der Acerola-Kirsche quasi die Reformhaus-Avengers und rettest die Menschheit vor der drohenden Folsäure-Unterversorgung. Denn gesund, das bist du tatsächlich, Chia. Enthältst Thiamin und Kalium und Riboflavin und wenn man dich noch ein bisschen genauer untersuchen würde, fände man bestimmt auch noch Spuren von Kryptonit und mehrfach ungesättigtem Feenstaub. Und wie jeder Superheld bist du ein Meister der Verwandlung: Wenn man dich in Wasser einweicht, bildest du eine Gelschicht um deine kleinen schwarzen Mausdreck-Körner. Das schmeckt dann zwar immer noch nach nichts, aber immerhin nach nichts mit Glibber. Respekt, Chia, und wir dachten bisher immer, Green Lantern wäre der unnützeste Superheld der Welt! 

Die volle Kraft deiner Nährstoffe entwickelt sich laut Internet sogar erst „nach einer Einweichzeit von mehreren Stunden“. Ja, genau so schaust du aus, Chia-Samen! Für dich stehe ich nachts um drei auf und weiche dich in gefiltertem Vollmondwasser ein, damit ich morgens was fürs glutenfreie Buchweizenmüsli habe. Am Arsch! Vielleicht bist du aber auch eher was für Leute, die abends schon wissen, was sie am nächsten Nachmittag gerne essen würden! Leute, die sich nach dem 20 Uhr 15-Rosamunde-Pilcher-Film denken: „Ich könnte mir vorstellen, dass ich in sechzehneinhalb Stunden so ein leichtes Hüngerchen auf Dinkelschrot mit Chia-Samen bekomme. Am besten, ich setz das schon mal an!“ Das sind vermutlich dieselben, die vor dem Schlafengehen schon den Frühstückstisch decken, in deren Kalender steht, wann die Bettwäsche gewechselt wird, und die beim Aufziehen der Sommerreifen schon den Termin für die Winterreifen ausmachen! Ein Streber-Korn, das bist du, Chia!

Lecker Kraftsamen

Aber weiter im Internet: „Chia-Samen lassen sich problemlos vier bis fünf Jahre einlagern, ohne ihren Geschmack einzubüßen“. Haha, Geschmack! Da musste selbst ein bisschen kichern, oder, Chia? Styropor-Kügelchen lassen sich nämlich auch vier bis fünf, ach was sag ich, vierzig bis fünfzig Jahre einlagern, ohne ihren Geschmack einzubüßen!

Und dann steht da noch: „Wann probieren auch Sie die Kraftsamen der Maya?“. Uh, „Kraftsamen“? Na, jetzt wird’s aber eklig! Das klingt nicht nach Biofood, das klingt nach Bullenzucht! Wer will denn bitte Maya-Kraftsamen schlucken? Am Ende wächst da in meinem Körper ein kleiner Maya heran, baut mir eine Sonnenpyramide auf die Milz und bricht dann irgendwann so alienmäßig durch die Bauchdecke. Na schönen Dank!

Überhaupt: die Mayas, die Mayas! Kann mir irgendjemand mal erklären, wo dieser Maya-Hype gerade herkommt? Wenn die Kultur der Mayas so schlau und überlegen und fortschrittlich war, könnte man doch schon mal fragen, warum Cancun heutzutage nicht von stolzen Maya-Königen mit imposantem Kopfschmuck beherrscht wird, sondern von besoffenen Amis mit Bierdosenhut!

So crazy wie Leinsamen

Wenn man deine Propaganda-Seiten übrigens mal verlässt, wird’s ganz schnell ganz schön traurig, Chia. Weißt du nämlich, wer fast genau dieselben Wirkstoffe enthält wie du? Genau, dein Superhelden-Nemesis, der Leinsamen. Haha! Leinsamen! Das ungeilste Korn der Welt! Leinsamen, das klingt doch direkt nach alten Damen mit Verdauungsproblemen und Lavendelkissen im Kleiderschrank. Chia-Samen dagegen klingt natürlich nach Friedrichshainer Popup-Cafés in denen ganzkörpertätowierte Fleshtunnelträgerinnen liebevoll Sojamilch-Schaum vom Getreide-Cappuccino streichen. Gut, dafür kostet ein Kilo Leinsamen auch nur ungefähr drei Euro. Eine Kilo von dir, Chia, du Körner-Kaviar, dagegen stolze 20 Euro. Aber das muss man verstehen, da kommt halt noch die Doofen-Steuer oben drauf.

Deine ganze Niedertracht begreift man übrigens erst, wenn man wirklich mal ein Müsli mit dir, Chia-Samen, isst. Dann hängst du dich nämlich zwischen alle Zähne wie frisches Schweinemett, und bleibst da eisern hocken, sodass man den ganzen Tag mit der Zunge herumpiddeln und zwischen Lippen und Zahnreihen einen Unterdruck erzeugen muss, in der Hoffnung, dass der ganze Schlotz mal wieder rausgeht, aber so richtig schafft man’s dann trotzdem nicht und jeder, der einem begegnet, denkt sich: „Du lieber Himmel, dran denken: dem Barth schenken wir zum nächsten Geburtstag mal ne schöne Oral B.“

Ja, Chia, sagen wir’s doch mal wie es ist: Im Grunde bist nichts anderes als ein überteuertes Maya-Mettbrötchen!

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Kommentar von Steve-O |

Naja immerhin ist es nicht schädlich, wie viele andere Dinge die man uns durch geschickt inszenierte Werbung als Wundermittel verkaufen will. Eine Einweichzeit von Stunden oder sogar mehreren Tagen geht natürlich überhaupt nicht. ..... wir alle wollen natürlich Dinge sofort konsumieren ohne Vorbereitung und Planung. Warum wären solche tollen Dinge wie Fastfood oder Tiefkühlgerichte sonst erfunden worden.

Kommentar von Anja |

Sehr guter Artikel! Sehr viel gelacht. Nur eines stösst mir sauer auf: ihr Seitenhieb aufs "glutenfreie". Lesen sie dazu bitte mal was über Zöliakie. Das ist nichts frei gewähltes, sondern eine ernst zu nehmende Autoimmunerkrankung und macht überhaupt keinen Spass.

Antwort von Markus Barth

Liebe Anja,

danke für deinen Kommentar. Wenn ich das richtig sehe, habe ich aber an keiner Stelle des Textes behauptet, dass Zöliakie etwas frei Gewähltes ist, oder?
Viele Grüße, Markus Barth 

Kommentar von Flaix |

danke Herr Barth! wie kann Wahrheit nur so unterhaltsam sein. Danke, Danke, Danke ! Lachflash

Kommentar von Denis |

Das ist der sinnloseste Beitrag den ich jemals gelesen habe! So ein Scheiss. Haben Sie ein Problem mit Chia? Hat Sie Ihre Frau mit einem Chia Farmer betrogen oder was ist los? Nur Dreck den Sie da schreiben- Chia klebt überhaupt nicht zwischen den Zähen ausser der Beigeschmack sollte Ihre Frau wirklich mit einem Chia Farmer durchgebrannt sein...

Antwort von Markus Barth

Lieber Dennis,
na sowas. Dafür, dass Chia so gut für die Verdauung ist, klingt dein Kommentar aber reichlich verstopft! Jedenfalls: Mach dir bitte keine Sorgen um mein Liebesleben - alles im grünen Bereich. Also einfach mal tief durchatmen und ein paar Goji-Beeren naschen, dann geht die Laune hoffentlich wieder nach oben. Viele Grüße, Markus Barth
 

Kommentar von dunkelbier |

habs jetzt selbst mal probiert...... gemischt mit Red Bull und Wodka, dann direkt durch ein Sieb schütten----schmeckt eigentlich gar nicht so schlecht

Kommentar von Jackie |

Uh, der wievielte Chiablame-Artikel ist das jetzt eigentlich im Netz? Tut mir wirklich leid deinen gegenwärtigen Tellerrand zu beflecken, aber inzwischen ist man wahrscheinlich mehr Hipster (und Öko und Eso), wenn man über Chia lästert, als wenn man ihn konsumiert.
Davon mal abgesehen ist natürlich der Spiegel (allerspätestens seit der TTIP-Polemik) die Mutter aller ernstzunehmenden Quellen. Direkt hinter dem Kopp-Verlag, versteh sich. (Okay okay, dieser Vergleich war mindestens ebenso flach wie dein Artikel)

Und nur so als Story am Rande (und als perfekte Vorlage für einen noch flacheren Konter): Als ich vor knapp 10 Jahren in Australien das erste Mal mit Chia in Berührung kam, wurde er großzügig dem Pferdefutter beigemischt. Seit dem nutze ich ihn für mich als trinkbare Stärkung und Sättigungsbeigabe auf längeren Radtouren, denn den Hungerast schafft der gute Leinsamen leider nicht.

Kommentar von JJ |

Nett geschrieben, danke! Eine kleine Meckerei sei mir gestattet : Noch ein kleines bissl cooler wäre es gewesen, wenn man bei "fast genau dieselben Wirkstoffe" einen Link gesetzt hätte, wo die Inhaltsstoffe von Leinsamen und Chia genau verglichen werden...
Aber andererseits machen ja auch nicht alle Journalisten&Marketinger das, sondern setzen oft einfach auf Autorität und geben dem Leser/Konsumenten nichts an die Hand, um selbst kritisch vergleichen zu können.
Allein diesen weißen Fleck aufzuzeigen lohnt sich ja bereits... Ich habe in Ihren Kommentaren auch gesehen, dass Sie doch auch einen Spiegel-Artikel hierzu verlinkt haben... Ich werde mal versuchen, das im Auge zu behalten und ggf. noch eine wirklich seriöse Quelle zu finden (#Ironie - nichts gegen die Spaßmacher vom SPON... ;) ).
Jedoch, wie gesagt, Sie geben uns auch keine Nährwerttabelle an die Hand (vielleicht sind ja eben doch viele wichtige Sachen im Chia, aber nicht im Leinsamen? „Fast genau dasselbe“ ist bei Nahrung doch oft letztlich „total anders“!?), und man muss auch nicht aaalles kaputtreden, sondern man kann ja auch einfach sich an der Tatsache freuen, dass Superfoods einfach total viele coole Sachen konzentrieren, und Leute motivieren können, sich mehr Gedanken um ihre Ernährung zu machen - ohne sich davon runterziehen zu lassen, dass andere Lebensmittel auch ein paar coole Nährstoffe konzentrieren.

Immerhin : ich bleibe stolzer Fan des uncoolsten, günstigen (und leckeren!) Öls, Rapsöl, das laut meinem (wieder leider nur) ernährungswissenschaftlichen Halb-Viertelwissen ja so super sein soll, und viel besser als Oliven- oder gar Sonnenblumenöl.

Wobei : Hipster wollen ja gerade den Mainstream meiden... Wer weiß, ob nicht in Wahrheit die PopUp Cafés in Friedrichshain längst nur Leinsamen und Rapsöl servieren („back to the roots“), und Kunden, die nach Chia fragen, nur hämisch auslachen?
So ähnlich wie dieser Artikel... vielleicht sind Sie ja der viel schlimmere Hipster, Herr Barth?

Naja, vorerst bleibe ich auf jeden Fall auch stolzer Chia-Fan, auch und gerade wenn es bei zunehmender Mainstreamisierung immer uncooler wird (irgendwie muss man ja aus dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit der ewigen Hipster-vs-Mainstream-Dialektik rauskommen!), da man als halbwegs veganer und ziemlich aktiver Mensch schon alle Möglichkeiten zum nahrungsmäßigen Powerboost wahrnehmen sollte. Aber wie gesagt, Holzauge bleibt wachsam und wird vergleichen und hinterfragen!

Antwort von Markus Barth

Lieber JJ,

ich sag's wie's ist: Ich habe keine Ahnung, ob Leinsamen wirklich dieselben Wirkstoffe enthält wie Chiasamen. Da. Erwischt. Ich habe das irgendwo gelesen und das hat mir gereicht.
Darf ich das trotzdem einfach so schreiben? Ja, darf ich. Denn ich hab's ja schon mal erwähnt: Ich mache Satire, kein Wissenschaftsmagazin. Der Artikel steht auf meiner Homepage und nicht in einer Ernährungsfachzeitschrift. Es geht mir auch nicht darum, ein Lebensmittel ernsthaft wissenschaftlich auseinanderzunehmen, sondern meine Leser zum Lachen zu bringen. Und, Leinsamen hin oder her, ich denke, das hat geklappt. Viele Grüße, Markus Barth

Kommentar von Anne |

Zwar wirklich amüsant geschrieben, und in weiten Teilen auch nicht unwahr. Was aber an Chiasamen wirklich gut ist, meiner Meinung nach zumindest, ist die Quellfähigkeit, die, wenn man sie gut nutzt, dazu führt, dass man ziemlich viel Wasser speichern kann. Das ist im Alltag relativ wenig relevant, aber ich habe bei mehrtägigen Wettkämpfen gute Erfahrungen damit gemacht: Die Samen belasten sonst - zumindest meine - Verdauung kaum, regulieren sie sogar, was bei einer solchen Extrembelastung nur willkommen ist.

Der ganze Hype darum ist andernfalls aber nicht nachvollziehbar.

Es stimmt, dass viele derartigen Produkte sonstwoher eingeführt werden und lange Transportwege hinter sich haben. Andererseits darf man aber nicht vergessen, dass man so auch eine (von sehr wenigen) Einnahmequelle für die dortige Bevölkerung schafft. Was sollen denn manche Staaten anderes ausführen als Bananen? Und warum will ein Staat wie unserer, der selbst in weiten Teilen auf den Export baut, anderen die Lebensgrundlage nehmen, die genau das tun, nur weil es sich in ihrem Fall um Lebensmittel handelt, und nicht um Waffen und Turbinen?

Kommentar von Tanja |

Selten so gelacht! Klasse Artikel!

Kommentar von Herrlich...ich habe es 1x probiert, fand es furchtbar |

Superartikel...Danke

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