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#DeutschlandTour - Ein Resümee

(Kommentare: 3)

Relativ wahllose Nachlese zu meinen zwei Wochen auf dem Radweg Deutsche Einheit von Köln nach Berlin:

- Deutschland ist schön. Echt jetzt. Ich hätte nie gedacht, dass mich mal Orte in Nordhessen oder Sachsen-Anhalt so in Staunen und Begeisterung versetzen könnten, aber wenn man mal bei Kassel in der Fulda geschwommen ist, durch Rotenburg spaziert ist oder mit offenem Mund bei Thale in die Schlucht der Bode geschaut hat, dann fragt man sich schon, warum man oft tausende Kilometer fährt oder fliegt, um Urlaub zu machen. Gut, das Wetter könnte ein Grund sein. Nur wer mal bei Platzregen in einem Hotel in Bad Karlshafen saß, weiß wirklich, was eine Blitzdepression ist.

- Die Menschen in Deutschland sind toll. Auch echt jetzt. Klar, sie schauen gerne mal etwas grimmig, wenn man an ihrer frisch gekehrten Garagenauffahrt vorbeifährt, aber kaum grüßt man freundlich, schon hellt sich das ganze Gesicht auf, man wird mit Orientierungshilfen zum weiteren Radwegsverlauf versorgt (der Deutsche an sich beschreibt insgesamt sehr gerne Richtungen) und für die Schönheit des Hundes gelobt.

- Die besten Menschen sind die Fahrradmechaniker. Ernsthaft. Wir hatten mehrere kleine Pannen, uns wurde immer sofort geholfen, wir wurden nie abgewiesen, wir mussten keinen Termin ausmachen, man hat für uns sogar die Mittagspause unterbrochen. Ein Hoch auf Euch, Radlschrauber! Ihr seid quasi Nordhessen als Mensch!

- Der Preis für die lustigste Begegnung geht an den älteren Herrn in einem Dorf nahe Einbeck, der uns mitten auf der Straße mit dem Satz: „Kommt mal mit, ich zeig euch den schönsten Ort hier!“ abgefangen hat. Erst dachte ich: „Hm, fahren wir da jetzt wirklich hinterher? Ein bisschen klingt das ja nach: Kommt mit, ich hab junge Hunde im Auto!“. Aber dann stellte sich heraus, dass er uns nur zu einem Grillplatz führen wollte, den seine Gemeinde neu gestaltet hat und an dem der Radweg leider nicht vorbeiführt. Deswegen fährt der Herr jetzt den ganzen Tag durch den Ort, fängt Fernwegsradler ab und zeigt ihnen den Platz. Weil der so schön ist. Großartig.

- Ach, und der zweite Platz geht an die Pensionsbesitzerin in Einbeck, die meinen Mann und mich erst lange musterte, dann fragte, ob wir denn verheiratet seien und als wir das bejahten schnell ein „Wir haben hier ja auch ganz viele!“ hinterherschob. Bevor ich fragen konnte „Ganz viele was?“ hatte sie uns schon umarmt und die Schönheit des Hundes gelobt. Na dann.

- Der gesamte Osten wird komplett unterschätzt. Von mir zumindest, bisher. Aber ich habe den Eindruck, ich bin da nicht der Einzige. Ich schäme mich fast ein bisschen dafür, dass ich erst jetzt, knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall, mal auf die Idee komme, mir auch mal Orte jenseits von Berlin und Dresden anzuschauen. Für mich ist das ein bisschen symptomatisch für vieles, was nach der Wiedervereinigung schief gelaufen ist. Der Sinn der Wiedervereinigung war ja nicht, auch ostdeutsche Innenstädte möglichst schnell genauso einfallslos mit internationalen Ketten vollzustopfen, wie westdeutsche. So wirkt es aber manchmal. Viele von uns Westlern, mich eingeschlossen, dachten nach der Wiedervereinigung offensichtlich: „Hallo Ossis, schön, dass Ihr jetzt auch dabei seid. Hier: Karstadt, MacDonalds, jetzt freut euch.“ Aber selbst mal hinfahren, sich umschauen, vielleicht sogar dort arbeiten, mit den Leuten reden, vielleicht sogar von ihnen lernen, das haben wir ein bisschen versäumt. Ein Fehler.

- Fahrradkarten für die Deutsche Bahn kauft man vorzugsweise ein halbes Jahr im
voraus und nicht, wie ich, vier Tage vor der Fahrt. Es sei denn, man möchte eine Beraterin am DB-Infotelefon mal hysterisch kichern hören.

- Wie weltfremd ist eigentlich die AfD? Okay, das kommt jetzt vielleicht etwas überraschend, aber bei den 1200 Kilometern auf dem Rad ging mir gerade dieser Gedanke immer wieder durch den Kopf. Ich bin fest überzeugt, dass ausgerechnet diese Partei, die sich alles Deutsche so groß auf die Fahne geschrieben hat, am wenigsten Ahnung davon hat, wie es in Deutschland wirklich aussieht und was die Menschen brauchen. Ich habe mich in den letzten zwei Wochen mit vielen Leuten unterhalten, manche hatten Angst, dass Ihr Ort ausstirbt, andere, dass sie ihr Geschäft schließen müssen, oder dass die Rente nicht reicht. Was macht die AfD? Alice Weidel, die sich ja vermutlich schon in ihrer Zeit bei Goldman Sachs so richtig für den kleinen Mann eingesetzt hat, stapft durch ihre steuerbegünstigte Zweitheimat Schweiz, deutet wahllos auf Geröll und postet danach irgendwas unter der Überschrift: „Holen wir uns unser Land zurück.“ Aha. Und Herr Gauland gibt ein Sommerinterview, in dem er eindrucksvoll zeigen kann, was er zur gesellschaftlichen Debatte beizutragen hat, wenn er mal nicht über Flüchtlinge reden darf: nämlich gar nichts. Digitalisierung interessiert ihn nicht, Klimawandel ist halt so und Rente überlegt er noch. Was für ein Clown. Bei der ganzen Partei hat man ja das Gefühl, die Zukunft Deutschlands hinge davon ab, wieviel Fremde wir ins Land lassen, oder wie oft weibliche Substantivformen verwendet werden (GENDERWAHNSINN!!). Was für ein Unsinn. Man müsste diese Partei und ihre Forderungen und Sprüche insgesamt viel öfter auslachen. Sie haben keine Vision, sie haben keine Ideen, sie haben keinen Plan für Deutschland. Alles was sie haben, sind gehässige Parolen. Echte Politik, mit Ideen und so, ist halt schwieriger. Das sieht man ja schon daran, dass die AfD auch nach fast einem Jahr im Bundestag noch kein Rentenkonzept vorlegen kann. Warum auch, wenn man mit gehässigen Sprüchen genauso Wahlen gewinnen kann? Wir sollten sie damit nicht durchkommen lassen.

Ich jedenfalls habe herade richtig gute Laune, wenn ich an Deutschland und die Menschen denke, denen ich in den letzten zwei Wochen in Ost und West begegnet bin. Und ich will mir die nicht von der AfD, diesem traurigen Haufen Hetzern und Polit-Losern, die in einer anständigen Partei nicht mal einen Wimpel aufhängen dürften, verderben lassen.
So. Nachlese-Ende. Wir nähern uns Köln...

 

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Kommentar von Jan Scheper |

Vielen Dank für diese Kurz-Impressions-Abriss-Essay-Gedanken-Novelle.

Jedenfalls lächel ich nun auch!

Und hoffe, dass die AfD-Wähler bald wieder zur Vernunft kommen.

Kommentar von Jana Heinze |

Dieser Bericht wärmt mir mein einfaches Herz.

Kommentar von Angela |

Ich lebe in Asien und freue mich jedes Mal, eine neue Veröffentlichung hier zu finden. Der andere Blick auf mein Heimatland, die Menschen und Begebenheiten. Weiter so!

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