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Rügen loben (#DeutschlandTour Teil 4)

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Okay, Binz hätte schon wirklich sehr viel falsch machen müssen, um mir nicht zu gefallen. Nach gut 1000 Kilometern aufm Fahrrad, nach vielen Nächten im Zelt und vielen Tiefkühlschnitzeln in Campingplatzrestaurants, ist man nicht so anspruchsvoll. Ich wollte Strand und Ruhe und irgendwas mit Matjes. Wie’s der Zufall so will, gibt’s all das in dem berühmten Ostseebad. Insofern: „Bäähs, douze points!!“

Es ist aber auch ohne vorhergehende Radtour ein schönes Fleckchen: man schlendert am Strand entlang, spaziert auf die Seebrücke, setzt sich dann in eines der zahllosen Cafés an der endlosen Promenade und guckt ein bisschen Ostsee-Urlauber:
Omas und Opas, die ihre Enkel an der Hand führen (ich glaube, es gibt keinen Ort der Welt, an den mehr Enkel mehr oder weniger freiwillig geschleppt werden!), Camp David-Werbeträger (wo liegt eigentlich dieses Camp David und machen die Leute da auch mal was anderes, als im Sonnenstudio zu liegen?), und dazwischen auch mal ein schwersttätowierter „Odins Irgendwas“-Runenschrift-Pulliträger, der seinem Töchterchen den Prinzessin Lillifee-Zauberstab hinterherträgt.

Hunde und FKK - eine brisante Mischung

Vier Tage verbrachten wir in Binz und ich muss zugeben, dass wir außer „am Strand liegen“ und „in der Ferienwohnung rumgammeln“ kaum etwas in der Stadt unternommen haben. Ich glaube aber, wir haben auch nicht all zu viel verpasst. Zum einen ist der Strand wirklich wunderbar (Sogar nen Hundestrand gibt es - traditionell neben dem FKK-Strand. Und jedes Mal hoffe ich, dass der Hund nie das falsche Stöckchen apportiert!) Zum anderen hat mich das Veranstaltungsprogramm in Binz nicht direkt umgehauen: ein Liederabend mit Gunther Emmerlich, ein Chanson-Abend mit dem Titel „Ein bisschen Sex muss sein“ (???) und irgendwo zupft immer irgendein Gitarrenduo „Summertime“. Jetzt noch ne Helene Fischer Party und ein paar kotzende Menschen am Geländer und man muss nie mehr auf ein Kreuzfahrtschiff. Die für mich lustigste Veranstaltung war ausgerechnet eine, die gar nicht stattfand: der Gesundheitsvortrag über die Kraft der Aloe Vera, der wegen Krankheit ausfiel. Haha, genau mein Humor!

Immerhin sind wir mal mit dem „Rasenden Roland“ gefahren (einem alten Dampfzug, der an der Küste Richtung Süden tuckert und nach dessen Benutzung man ein bisschen riecht wie eine Mischung aus Rostbratwurst und Stremellachs) und zu den Anlagen des ehemaligen Nazi-Seebads im wenige Kilometer entfernten Prora geradelt. Ein Gebäudekomplex, der trotz massiver Neugestaltung immer noch eine seltsam düstere Atmosphäre verströmt.

Übrigens: Radfahren auf Rügen ist ein kleines Glücksspiel. Es gibt traumhafte Radwege, die dann aber oft urplötzlich verschwinden und von holperigen Feldwegen oder einfach gar keinem Radweg abgelöst werden. An dieser Stelle mal ein aufrichtiger Dank an alle Autofahrer, die uns und all die anderen Radler in solchen Fällen mit lebenserhaltendem Abstand überholt hben - Ihr seid meine Helden, ehrlich!
Und für alle, die, wenn ich mit meinem Hunde-Anhänger vom schotterigen Radweg mal auf die Bundesstraße ausgewichen bin, ihr Fenster runterkurbeln und mir breitgrinsend ein „Da drüben ist ein wunderschöner Radweg!“ zurufen, ein herzliches „JA DANN FAHR HALT FAHRRAD!“.

Brennendes Reisig gegen die Langeweile

Einen Radweg muss man mal besonders loben: die nagelneue Strecke von Sassnitz zum Königsstuhl. Ein Traum von einem Fahrbahnbelag, quer durch die abwechslunsgreiche Landschaft des Nationalparks Jasmund. Mit dem Königsstuhl selbst war ich dagegen recht schnell fertig. Der berühmte Kreidefelsen ist halt ein weißer Felsen. Kann man jetzt stundenlang drauf stehen, kann man aber auch lassen. Fun Fact: Früher haben die Leute sogar, um das Ganze für Touristen ein bisschen spannender zu machen, brennendes Reisig vom benachbarten Feuerregenfelsen geworfen. Vielleicht ja auch mal eine Option für ein paar schlecht besuchte Gemäldegalerien oder Kirchen: Einfach ab und zu brennende Strohballen vom Dach werfen, zack: Touristenattraktion!

Alles in allem also vier sehr entspannte Tage auf einer herrlichen Insel. Um doch noch ein bisschen mehr davon zu sehen, haben wir uns - nach meinem anfänglichen „Ich steig nie mehr aufs Rad!“ - doch dafür entschieden, die letzte Etappe, von Binz nach Stralsund, nicht mit dem Zug, sondern wieder mit dem Fahrrad zurückzulegen. Sind ja nur 43 Kilometer. Und quasi keine Höhenmeter.
Tja. Mittelgute Idee.
Zum einen stimmt das mit den Höhenmetern nur eingeschränkt. „Bergen auf Rügen“ heißt zum Beispiel nicht ohne Grund so.
Zum anderen kamen dann noch ein fieser Nieselregen und strammer Gegenwind auf fast der gesamten Strecke dazu. Auf dem Rügendamm bei Stralsund war der Sturm sogar so stark, dass ich zum ersten Mal eine Art Fahrradmoonwalk hinlegte: vorwärts strampeln - rückwärts rollen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das geschafft habe. Immerhin: Falls ich jemals ein Buch über Radfahren auf Rügen schreibe, habe ich wenigstens schon nen Titel: „Radler auf Rügen - Von der Sonne geküsst und vom Wind gef***t.“
(Ab 2020 in der Ü-18-Abteilung ihrer Buchhandlung!)

(Apropos Buch: mehr zu mir und meinen Reisen gibt es immer noch hier.)

 

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